Über Sprachgeschichten und ihre Beobachter
“Sprachgeschichten” lautet der Titel der Ringvorlesung der Braunschweiger Germanisten im Sommersemester 2007. Diese Vorlesungsreihe knüpft an die im Jahr 2001 von Frau Prof. Dr. Stauf initiierte Veranstaltung “Hauptwerke der Weltliteratur” an, die die Geisteswissenschaft und deren Forschungsobjekte fächerübergreifend und unterhaltsam einem offenen Publikum näher brachte.
Diesmal sind zum ersten Mal die Linguisten am Zug, ihre Geschichten über die Sprache und deren Benutzer zu erzählen. Auch hier werden die Ergebnisse der Forschung nicht wissenschaftlich trocken oder gar oberlehrerhaft präsentiert. Schon bei der Einführungsveranstaltung konnten mich die beiden Veranstalter Herr Prof. Dr. Neef und seine Kollegin Frau Dr. Noack vom ganzen Gegenteil überzeugen.
Denn wenn es um sprachliche Äußerungen gehe, so verstehen sich Linguisten eher als Beobachter, was hingegen korrekte Sprache sei, entscheiden ihre Sprecher immer selbst im Kontext ihres Gebrauchs, hierzu brauchten sie keine selbsternannten Sprachpfleger wie Bastian Sick.
Um selbst auch einige sprachliche Äußerungen der beiden Veranstalter zu sammeln, habe ich im Anschluss an die Veranstalung noch ein Interview geführt, dass hier nachzulesen ist.
Maxime: Mit einem Seitenhieb auf Bastian Sick, dem selbst ernannten Anwalt für richtiges Deutsch, klang bereits an, dass Linguistik nicht gleich Sprachpflege bedeutet. Worin sehen Sie aber ganz persönlich die Aufgabe eines Linguisten?
Dr. Noack: Die Linguistik hat sich gegenwärtig ganz massiv auch um die Bereiche Frühförderung und Schulbildung zu kümmern. Große Vergleichsuntersuchungen wie PISA und IGLU haben einmal mehr gezeigt, dass hier noch vieles im Argen liegt, übrigens nicht nur bei den Schülern, sondern ganz massiv auch bei Lehrern. Gerade innerhalb der Lehrerausbildung muss sich die Linguistik daher mehr noch als bisher engagieren. Die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft sieht das genau so und hat vor einigen Jahren aus diesem Grund eine „Lehramtsinitiative“ formiert.
Prof. Dr. Neef: In der Linguistik gibt es zwei große Themengebiete, nämlich die theoretische Analyse des Sprachsystems und die Untersuchung des Sprachgebrauchs. Beide Bereiche fallen zunächst einmal unter die Grundlagenforschung, können natürlich aber auch in anderen Kontexten Beiträge in der Anwendung liefern. All diese Aspekte müssen von Linguisten bearbeitet werden, um zu einem zunehmend besseren Verständnis von Sprache in all ihren Facetten zu kommen. Als forschender Wissenschaftler konzentriert man sich gewöhnlich auf einen Teilaspekt. Ich persönlich bin an der Analyse des Sprachsystems interessiert. In meiner Lehre versuche ich allerdings, alle sprachwissenschaftlichen Themen abzudecken.
Maxime: In diesem Jahr trägt Braunschweig den Titel „Stadt der Wissenschaft 2007“, gleichzeitig ist 2007 aber auch das „Jahr der Geisteswissenschaften“. Sind diese Titel für die Linguistik und deren Veranstaltung in Braunschweig eher Fluch oder durchaus willkommener Segen?
Neef: Das ist nur ein Segen für uns. In Braunschweig herrscht in diesem Jahr ein besondes aufgeschlossenes Klima gegenüber wissenschaftlichen Fragen, und als Geisteswissenschaftler haben wir die Möglichkeit, uns hier in besonderer Weise zu positionieren, was im Kontext einer technischen Universität wichtig, wenn auch nicht immer einfach ist. An manchen Tagen könnte das dichte Alternativprogramm für die Ringvorlesung schwierig werden, aber ich rechne damit, dass dies der Resonanz unserer Veranstaltung nicht ernsthaft schaden wird, weitaus weniger jedenfalls als eine Fußballweltmeisterschaft.
Maxime: In diesem Sommersemester wird die Ringvorlesung erstmalig von den Sprachwissenschaftlern organisiert, doch ist sie ursprünglich von der Literaturwissenschaft ins Leben gerufen und jahrelang betreut worden. Glauben Sie, dass die Literaturwissenschafter einfach mehr Geschichten zu erzählen haben als Linguisten?
Neef: Dass die germanistische Sprachwissenschaft sich erst in diesem Semester in die Organisation einklinken kann, hat institutionelle Hintergründe, die mit der langjährigen Vakanz einer Professur verbunden sind. Allerdings kann ich nicht vorhersagen, ob uns Sprachwissenschaftlern möglicherweise die Luft eher ausgehen wird als der Literaturwissenschaft. Meine Kollegin Frau Prof. Dr. Renate Stauf hat ihre literaturbezogene Ringvorlesung so konzipiert, dass auch Personen, die nicht beruflich mit Literatur beschäftigt sind, sondern als Liebhaber auftreten, einen aktiven Beitrag leisten können. So offen sind wir von der Sprachwissenschaft aus noch nicht. Ich hoffe, dass wir in Zukunft aber auch etwas Vergleichbares ermöglichen können.
Noack: Die literaturwissenschaftliche Ringvorlesung hat mir da viele Anregungen geliefert. Hoffentlich funktioniert das auch umgekehrt!
Maxime: Als Institutsleiter der Germanistischen Sprachwissenschaft und als Dozent sind sie beruflich viel mit Wort und Schrift befasst, hat man da noch Lust privat ein Buch in die Hand zu nehmen? Wenn ja, welches lesen Sie momentan und würden Sie es zur Lektüre empfehlen?
Neef: Ehrlich gesagt hat Lesen in den letzten Jahren für mich fast nur noch etwas mit linguistischer Forschung und Lehre zu tun, sodass ich mich privat eher bei Musik entspanne. Lediglich im Urlaub gelingt es mir noch, Romane zu lesen. Meine letzte Lektüre war ‘Das Wetter vor 15 Jahren’, wofür der Autor Wolf Haas mit dem Braunschweiger Raabe-Preis ausgezeichnet wurde. Das Buch zählt für mich schon jetzt zu den Klassikern der Postmoderne. Die Form ist außerordentlich originell und witzig.
Maxime: Auch das geisteswissenschaftliche Studium befindet sich im Umbruch, die alten Studiengänge wie Magister müssen den neuen Abschlüssen Bachelor / Master weichen. Das Studium wird straffer, dabei auch schulischer. Ist das mit der großen Freiheit der Geisteswissenschaft vereinbar?
Noack: Überhaupt nicht. In der Deutschlehrerausbildung ist es jedoch auch eine Chance, sicherzustellen, dass die relevanten Lerninhalte studiert werden.
Neef: Die Entwicklung ist durchaus bedenklich. Dass die neuen Studiengänge dazu führen, dass die Studienzeiten kürzer werden, ist natürlich kein Nachteil. Für einige Studierende ist eine etwas engere Führung sicher auch vorteilhaft, wenn sich die Freiheit zu Orientierungslosigkeit zu wandeln droht. Auf der anderen Seite sollte Bildung ein zentraler Aspekt eines geisteswissenschaftlichen Studiums sein, und damit meine ich nicht nur Wissensanhäufung, sondern auch Charakterbildung. Hierfür lässt die neue Studienstruktur wenig Spielraum. Für die Art, wie wir in Deutschland Geisteswissenschaften betreiben, und zwar im internationalen Vergleich fraglos erfolgreich betreiben, mag dies mittelfristig sehr negative Auswirkungen haben. Und die von der Politik versprochenen Vorteile der Umgestaltung wie internationale Durchlässigkeit und Vereinfachung der Abschlussprüfungen sehe ich bislang nicht. Bislang ist hauptsächlich der Duck gestiegen, sowohl auf die Studierenden als auch auf die Lehrenden.
Maxime: Die Linguistik zählt nicht gerade zu den Traumberufen von Kindern, mitunter haben sogar Erwachsene ein Problem zu benennen, womit sich Linguisten befassen. Wann und wodurch sind Sie persönlich zu Ihrer Berufswahl gelangt?
Noack: Ich kenne kaum eine Kollegin, die ursprünglich vor hatte, Linguistin zu werden. Mich trieb der Wunsch, etwas über die Ursprünge und Verwandtschaft von Sprachen zu erfahren, zum Germanistikstudium. So etwas lernt man nicht in der Schule.
Neef: Die Wahl meines Studienfachs Germanistik war noch vollständig von meinem großen Interesse an Literatur getrieben. Allerdings habe ich schon in den ersten Semestern meinen Fokus auf Linguistik gelegt, einerseits weil ich dort einen Lehrer gefunden habe, der mich fasziniert und gefördert hat, andererseits wohl auch, weil ich durch meinen eher mathematischen Hintergrund eine enge Affinität zu linguistischen Denkweisen hatte. Dass ich hauptberuflich Linguist geworden bin, ist letztlich Zufall: Mein Lehrer hat mir die Möglichkeit dazu gegeben, und ich habe sie genutzt. Ich bin froh, dass es so gekommen ist.
Ich bedanke mich sehr für das Interview. Mir bleibt jetzt nur noch der Hinweis, dass die Ringvorlesung nun erst richtig in Schwung kommen wird und noch bis zum 17.07. immer dienstags um 18.30 in der Pockelstaße 11 im Kanthochhaus stattfindet.
Das Programm ist hier zu finden und mich sieht man dort mit Sicherheit auch das ein oder andere Mal vorbeischauen.
Eure Maxime


Herr Vorragend
Grimm’s Law. Das ist nicht der Titel eines Spaghetti-Westerns, trotzdem war dein Tipp sehr spannend, Maxime! Von Prof. Henne hab ich heute erfahren können, dass die Brüder Grimm nicht nur Märchenonkel waren, sondern im Grunde auch die Gründer der Germanistik sind.
Auch ihr Wörterbuch ist trotz aller Wissenschaftlichkeit sehr poetisch.