Von Zeit zu Zeit …
Wem die Kunst von Dali oder Picasso bekannt ist, konnte am Freitag, den 04.05.07, in der Aula des TU-Altgebäudes durchaus ein Déjà-vu erleben! Werner Große stellte die oft surrealistisch oder abstrakt anmutenden Resultate seines Filmexperiments “Zeit kippen” vor.
In den “zeitgekippten” Filmbildern des Herrn Große begegnen dem Betrachter merkwürdige Menschen-Gestalten mit langen spindeldürren Beinen, zerfließenden Gesichtern oder breitgezogenen Körpern. Plötzlich schauen diese Wesen janusköpfig in unterschiedliche Richtungen, gehen wabbernd rückwärts, verlaufen als bloße Farbspur über der Leinwand und erscheinen sogar manchmal an mehreren Orten gleichzeitig.
In dem gut gefüllten Saal hört man hier und da Laute des Erstaunens. Wie geht das denn? Also, man vertausche einfach die Zeit- und die Raumdimension. Verstanden? Nicht?
Nun, wenn man die einzelnen Bilder eines Filmstreifens zerschneidet und übereinander stapelt, stelle man sich vor, dieser Stapel würde zu einem 3D-Würfel verschmelzen. Dieser wird dann nicht wieder in die ursprünglichen Bilder auseinandergeschnitten, sondern in einer anderen Schnittrichtung in zweidimensionale Bilder zerteilt. So, als würde man einen Brotlaib mal nicht der Breite nach, sondern der Länge nach in Scheiben schneiden. Dann würden die neuartigen Brotscheiben….nein, natürlich die neuen Bilder aus dem Würfel….hintereinander abgespielt einen ganz anderen Film ergeben. Klar? Aber ich will mich jetzt wirklich nicht in bekannter “Stadt-der-Wissenschaft-Manier” in Essensmetaphern ergehen und verweise an dieser Stelle auf die sehr anschauliche Erklärung des “Zeitkipp”-Verfahrens (PDF) von Herrn Große selbst.
(Bildquelle: Werner Große. Phänomen Zeitkippen)
Ich hab’s jetzt auch endlich verstanden. Immerhin hat der Computer des IWF auch 50 Stunden gebraucht, um grad mal 40 Sekunden digitalisierten Film umzuwandeln, also zu “kippen”. Da kann ich mir auch mal einen Moment Zeit nehmen, oder?
Wo ich aber schon wieder bei einer Fragestellung angekommen bin, die nicht so leicht mit mathematischen Formeln und wissenschaftlichen Erklärungsmodellen zu bewältigen ist: Was ist eigentlich Zeit? Gibt es Zeit überhaupt, oder kann der Mensch aufgrund seiner sinnlichen Fähigkeiten (Einschränkungen?) alles nur nacheinander wahrnehmen? Diese Frage stellt sich die Philosophie bereits seit dem Altertum und das “Zeitkippen” wirft die Frage nach der raumzeitlichen Realität erneut auf.
Demnächst mehr im kommenden Interview mit Herrn Große. Hier schon mal ein Vorgeschmack.
Maxime Valeur: Wie ist es dazu gekommen, dass sie den Vortrag “Zeit kippen” Im Rahmen des Programms der Stadt der Wissenschaft halten?
Werner Große: Da gab es die Ausstellung Photon im Landesmuseum. Diese Ausstellung habe ich auf Einladung des Veranstalters am 24.09.06 mit einem Festvortrag eröffnet, in dem ich u. a. erste Zeitkippungen gezeigt habe. Im Publikum saß der Sprecher der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB), Herr Dr. Dr. Jens Simon, der damals die jetzige Vortragreihe Zeitphänomene plante. Er hat mich gefragt, ob ich mit dem Thema Zeitkippen einen Vortrag übernehmen will und ich habe ja gesagt.
Maxime: Mich interessiert auch die Vermittlung von wissenschaftlichen Themen. Worauf muss man ihrer Meinung nach am meisten achten, wenn man ein (kompliziertes) Thema verständlich vermitteln möchte?
Große: Das kann ich nicht mit einem Satz beantworten, schließlich ist das genau das Thema meiner Vorlesung “Die mediale Vermittlung abstrakter (naturwissenschaftlicher) Inhalte“. Wenn Sie etwas erklären wollen, machen Sie sich erst den Kern der Sache auf der höchsten theoretischen Stufe klar, dann suchen Sie ein passendes Erklärmodell, das Ihr Publikum versteht. Fallen Sie nie auf die Phrase rein, dass Wissenschaft etwas ist, das man nicht versteht – oder noch schlimmer, dass Verständliches nicht wissenschaftlich ist.
Maxime: Was halten sie von dem bisherigen “Verhalten” Braunschweigs als Stadt der Wissenschaft 2007? Wird genug getan, um die Bürger zu erreichen?
Große: Ich habe bereits nach meinem Vortrag, der ja von einen erstaunlichen Publikuminteresse geprägt war, Komplimente sowohl an den Veranstalter als auch an das Publikum verteilt. Soweit ich es aus der Ferne beurteilen kann, geht Braunschweig vorzüglich mit der Rolle um und ist ihrer sehr würdig.
Maxime: Gibt es in Göttingen ein Echo über die Stadt der Wissenschaft 2007, Braunschweig?
Große: Wenig, was aber auch zu erwarten ist. Braunschweig würde im umgekehrten Fall entsprechend wenig Notiz nehmen. Das ist leider so.

