Einsturz des Weltgedächtnisses – Wolfenbüttel hilft Köln
Wieviel Zeit verstreicht, wenn man 30 Kilometer zu Fuß geht? Stellen Sie sich diese Strecke nicht als malerischen Waldweg vor, sondern als schier endlose Regalstraße. Ein überdimensionales Bücherregal, dicht an dicht bestellt mit wertvollen Folianten, uralten Pläne, einzigartigen Handschriften und wichtigen Dokumenten. Entnehmen Sie spontan eines dieser Zeugnisse, könnten Sie ein uraltes Unikat aus dem Mittelalter in den Händen halten oder einen Bief mit kaiserlichem Siegel, ein Dokument etwa aus dem Nachlass des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll, des Komponisten Jacques Offenbach oder des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Ein Schauer des Respekts vor der geschichtlichen Bedeutung dieses einzigen Papiers durchfährt Sie. Und nun stellen Sie sich vor, eben dieses Blatt liegt unter tonnenschwerem Schutt im feuchten Matsch eines U-Bahn-Schachts. Was fühlen Sie jetzt? Ein böser Traum? Leider nicht, nach dem Einsturz des historischen Stadtarchivs ist dies in Köln schmerzliche Realität. Doch die Wolfenbütteler Herzog August Bibliothek (s. Bild, Quelle: HAB) will erste Hilfe leisten. “Die Herzog August Bibliothek bietet zwei Restauratorinnen als Unterstützung bei der Sicherung und Behandlung beschädigter Bücher und Dokumente an. Die Hilfsangebote werden zur Zeit vor Ort ausgewertet, gebündelt und an den Krisenstab in Köln weitergeleitet“, so Pressesprecherin Antje Dauer. Im Kölner Stadtarchiv, dem größten kommunalen Archiv nördlich der Alpen, lagerten auf rund 30 Kilometer Regalwand Schätze aus 1000 Jahren Kulturgeschichte, die nun mühsam geborgen werden müssen. Ein großer Teil bleibt allerdings unwiederbringlich zerstört. Ein unglaublicher Verlust und eine kulturelle Kathastrophe für ganz Europa! Der dramatische Zusammenfall des Gebäudes in der Severinstraße 222 wurde vermutlich von einem Grundwassereinbruch in einer nahen U-Bahn-Baustelle ausgelöst. Helfer arbeiten Tag und Nacht, um zu retten, was zu retten ist. Wegen der instabilen Bodenverhältnisse muss zum Teil mit bloßen Händen im Schutt gesucht werden. In der Nacht zum letzten Freitag, 6. März 2009, wurden bereits 50 Container mit Dokumenten gerettet. Das sind lediglich 0,8 Prozent des verschütteten Archivguts. Die Dokumente müssen vom Schutt getrennt, nasse Verpackungen durch trockene ersetzt und völlig durchnässtes Material durch Einfrieren vor weiteren Wasserchäden geschützt werden. Doch die langwierigsten Arbeiten steht noch bevor. Die Restauration der Bestände wird geschätzte zwei bis drei Jahrzente dauern. Hilfsangebote kommen aus ganz Deutschland, aber auch aus Belgien, der Schweiz, Österreich. Und aus Wolfenbüttels Restaurierwerkstatt, dessen Fachkräfte über große Erfahrungen im Umgang mit Pergamenten und historischen Papieren verfügen. Mikrofilm sagt: “Daumen hoch!” In Zeiten in denen ein durch explodierende Kosten und fragliche Sicherheit umstrittener U-Bahnstrecken-Bau Millionen kosten darf und dagegen von vielen historischen Unikaten aus dem Archiv einer “Kulturstadt” noch nicht mal eine Abschrift existiert, geschweige denn eine Digitalisat, ist jede Hilfe für Kultur heutzutage bitter nötig. An dieser Stelle sei ein Lob an die umfangreiche Digitalisierungsarbeit auf moderstem technischen Stand im Rahmen der Forschungsprojekte der Wolfenbütteler Bibliothek ausgeprochen. Die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters sollten im Besonderen zur Bewahrung empfindlicher kultureller Zeugnisse der Menschheitsgeschichte eingesetzt werden! Man hätte hoffen mögen, die Konsequenzen des Weimarer Bibliothek-Brandes hätte genügend alamiert und umfangreiche Vorkehrungen nach sich gezogen. Doch das eingestürzte Stadtarchiv wird zum erneuten Symbol für den Werteinbruch von Kultur! So verliert nicht nur Köln sondern die ganze Welt ihr Gedächtnis!

